Vinylmania

Spät, aber gerade noch rechtzeitig, habe ich auf dem TV-Sender Arte einen dieser besonderen Dokumentarfilme aus dem Jahr 2010 entdeckt: „Vinylmania“ will in 33 1/3 Umdrehungen pro Minute zeigen, wie sich die alte und neue Leidenschaft um die Welt der Schallplatte dreht. Schnell anschauen, bevor der Film wieder aus der Mediathek verschwindet. Es lohnt sich!

Plattennadel gesucht

Wer heute bei einem der großen Elektromärkte nach einer Nadel für einen Plattenspieler fragt, löst beim Verkaufspersonal entweder einen Lachanfall aus, erntet einen völlig erstaunten Blick oder bekommt die Gegenfrage gestellt, was das denn überhaupt sei. Da wird einem dann bewusst, dass es mittlerweile doch eine ganze Menge junger Menschen gibt, die tatsächlich noch nie einen Plattenspieler gesehen haben, also auch nicht wissen, dass es einen klanglichen Unterschied zwischen Vinylscheiben, CDs und Audiodateien wie mp3 gibt.

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Das Leben in 33 Umdrehungen pro Minute

Der Filmemacher Paolo Campana hat sich deswegen auf eine Reise um die Welt begeben, um zu dokumentieren, worin das Geheimnis des Vinyls liegt und warum es immer noch Menschen gibt, die förmlich süchtig nach den schwarzen Scheiben sind – und letztlich warum die gute alte Schallplatte nun schon seit ein paar Jahren vor einer Art Comeback zu stehen scheint. Es ist nahe liegend: Paolo Campana ist selbst DJ und ein verrückter Plattensammler. Das Vinyl ist seine große Liebe. Dann kam die digitale CD, und dann die Revolution im Internet und die damit einhergehende Verlagerung der Speicherung und Reproduktion von Musik: Massendownloads an heimischen Computern statt Presswerke für Schallplatten. Doch ganz verschwunden war die Schallplatte nie. Musikfans, DJs, Musiker, Künstler und Sammler rund um den Globus haben immer an ihren Platten festgehalten. Mittlerweile gibt es wieder neu eröffnete Geschäfte, also keine übrig gebliebenen Nostalgiebuden, die ausschließlich die großen schwarzen Schellackscheiben verkaufen. Die Schallplattenfabriken, die durchgehalten haben, verzeichnen steigende Auftragszahlen. Es ist kein Massenphänomen und wird wohl auch keines werden. Aber die Leidenschaft für das Knistern der drehenden Teller ist nun auch bei der heutigen Generation junger Musikliebhaber geweckt. Worin besteht also das Geheimnis für dieses Revival?

Jede Schallplatten bringt eine persönlichen Geschichte mit sich

Wahre Vinyljunkies erklären sich das über die sinnlichen Erfahrungen, über Geschichten, die mit den Objekten ihrer Begierde verbunden sind. Aber die Musikhörer von heute verbinden doch sicher auch besondere Momente mit so manchem Song, den sie nur als mp3 besitzen, möchte man entgegenhalten. Ja, das mag so sein, aber die Erinnerung über eine beliebig oft reproduzier- und kopierbare Musikdatei geht offensichtlich nicht tief genug. Was sind die Gründe dafür?

Die Sehnsucht nach Sinnlichkeit

Eine Schallplatte kann man in die Hand nehmen und anfassen. Man kann neben dem Hörsinn auch über den Tastsinn, über die Haptik, eine Verbindung herstellen. Eine Vinylscheibe kann verkratzen, sie ist zerbrechlich wie das Leben selbst. Und die Sehnsucht nach Sinnlichkeit hat sich eben über Generationen hinweg bis heute nicht verändert. Sie ist da, als Teil unseres Menschseins. Da werden die Unterschiede bereits deutlich: Den Hörsinn sprechen sowohl Musikdatei als auch die Schallplatte an, aber es scheint ein unterschiedliches Hören zu sein. Unbestritten ist, dass es dabei sehr auf das Format der digitalen Audiodatei ankommt, dass entsprechend stark komprimiert und in den Frequenzen beschnitten wurde oder eben nicht. Das gilt ebenso für die CD, die ebenfalls ein digitales Speichermedium ist und standardisierte Werte aufweist (16bit, 44.100 Herz). Die Schallplatte hingegen ist ein analoges Medium, dass in Sachen Frequenzen keine Beschneidung mit sich bringt. Allerdings kommt es hierbei wiederum darauf an, ob zum Beispiel der Master, also die Vorlage für die Plattenpressung in der Wiedergabe von Frequenzen beschränkt wurde oder nicht. Ein Schallplatte bringt dazu noch andere, quasi analoge Probleme klanglicher Natur mit sich. Wer das genau wissen will, kann sich da ja an anderer Stelle tiefergehend informieren. Die meisten Fans schwören jedenfalls darauf, dass eine Schallplatte einfach lebendiger und wärmer klingt.

MP3 sollen besser klingen als Schallplatten

Dabei spielen jedoch das subjektive Hörempfinden und bisherige Hörgewohnheiten eine enorm große Rolle. Laufende Untersuchungen an verschiedenen Universitäten bestätigen bisher, dass Hörer, die Musik in ihrem bisherigen Leben ausschließlich in Form von mp3- Dateien auf die Ohren bekamen, bei Vergleichstests mit CD und Schallplatte doch tatsächlich der mp3-Datei die beste Klangqualität zusprechen, trotz Komprimierungverfahren. Das ist ein erstaunliches Ergebnis.

Schallplatten zum Anfassen

In der realen Erlebniswelt bieten CD und Schallplatte allerdings noch den bereits angesprochenen Unterschied, dass sie berührt werden können und so den Tastsinn ansprechen, während bei der Musikdatei nur das Trägermedium, wie z.B. der iPod angefasst werden kann; vergleichsweise wären das der CD-Player und der Plattenspieler. CD-Cover aus Papier oder Pappe schneiden dabei im Vergleich zu Plattencovern ähnlich gut ab. Die kalte Plastikhülle der Standard-CDs löst dagegen keinerlei Emotionen aus. Die Größe der Schallplattenhüllen punktet gegen die CD-Cover. Das kennt man auch aus der Kunstwelt. Je größer das Bild desto beeindruckter ist der Betrachter.

Cover sind Kunstwerke

Im Vergleich zur Musikdatei kommt also noch der Sehsinn hinzu. Die großflächigen Cover, sind oft Kunstwerke, in denen die Botschaft der Musik sichtbar weitergetragen wird. Nun Musikdateien sind zwar auch mit einem Cover versehen, das es aber nur virtuell auf dem Trägermedium gibt, ebenso wie die Musikdatei selbst. Man kann es nicht anfassen. Man kann es groß auf einem Bildschirm erscheinen lassen, bräuchte aber zum Beispiel viel Geld für viele Monitore, um eine ganze Wand mit Covern zu tapezieren.

Der Krieg der Welten

An diesem Punkt wird oft vom Krieg der Welten gesprochen: die virtuelle Welt gegen die reale Welt. Was ist besser, was ist praktischer, wer gewinnt am Ende? Diese Fragen werden sich wohl so einfach nie abschließend beantworten lassen. Tatsache ist, dass die Kombination der angesprochenen Sinne durch die analoge Schallplatte in gewisser Weise einen emotionaleren und tiefgreifenderen Eindruck hinterlässt als die irgendwie nebeneinander bestehenden Sinnansprachen digitaler Medien. Aber statt eines Siegers wird es sicher weiterhin die friedliche Koexistenz geben, denn der Mensch als Faultier tendiert meistens zum Praktischen, zum Bequemen. Pragmatismus also im alltäglichen Gebrauch und in den schönen Abendstunden darf es ruhig der pure Genuss sein.

Was würde eine objektive Betrachtungsweise bringen?

Was ich bisher noch nicht gefunden habe, ist die Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Studie, die einen Hörer über dieselbe Musikanlage die gleichen Lieder hören lässt, ohne dass er weiß, um welches Medium es sich handelt, so dass er nicht nur sagen kann, welche Aufnahme er am Besten findet sondern auch noch raten darf, um welches Medium es sich handelt. Lässt sich das bei entsprechend minimierten Unterschieden wirklich erhören? In diversen Blogs lassen sich derartige Tests nämlich bisher nur von Leuten finden, die den Klangtest selbst durchgeführt haben und damit voher wussten, welches Medium sie gerade abspielen – und das bringt eben kein objektiv qualifiziertes Ergebnis hervor. Soweit geht der Dokumentarfilm natürlich nicht. Das will er auch gar nicht. Paolo Campana bringt uns Zuschauern das Vinyl wieder ein bisschen näher und es gelingt ihm interessant und kurzweilig. All die übrigen Fragen an den Schnittstellen zwischen alter und neuer Welt der Klangs könnten ja einen weiteren Dokumentarfilm füllen.

Ergänzende Links zum Thema „Schallplatten“:
The dark side of covers (Großartige Flickr-Seite des Künstlers Harvezt, wie Plattencover von hinten aussehen könnten.)

av 04.10.2014

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